Freitag, 21. Februar 2014

Kalter Entzug - Eine Ode ans Alleinsein




Was sich nach mittelmäßigem Drogenentzugsbericht anhört, kommt dem schon ganz nahe. Die Droge, um die es hier geht heißt: Gemeinschaft.
Der einzige Weg ihr zu entkommen: Isolation / Kalter Entzug.
Anonymität ist etwas, womit die wenigsten Menschen heute noch umgehen können. Früher band man Leuten einen Bären auf, heute seinen Namen.Wie mit Gaffatape an Stirnen befestigt, unmöglich, sie schmerzlos wieder zu entfernen.
Was ist mit Zirkus, Scharade? Jeder spielt etwas, aber immer sich selbst.
Erst mit sich allein ist man wirklich man selbst. Oder?
Man sagte mir, in Gesellschaft spiele ich eine Rolle, die mit mir nichts zu tun hätte. Alleine wäre ich vollkommen anders. Ist das tatsächlich so? Oder liegt das in der Natur der Sache, dass ich mich meinem Gegenüber entsprechend unterschiedlich verhalte?
Fest steht allerdings: Wer sich der Gemeinschaft entzieht und sich auf den Weg der seelischen Genesung macht (s. Drogenvergleich), inhaftiert sich selbst, hämmert selbst Urteile, die Stellvertreter unterschreiben. Wer sich isoliert, verliert. 

Das war schon in der Mittelstufe so: Wer einen Schnupfen hatte und nicht zu Nicoles Geburtstagsparty kommen konnte, kann Montags in der Mittagspause auch nicht über die tuscheln, die sich beim Flaschendrehen die Zungen verknotet haben.
Jetzt könnte man fragen, ob das alles denn so sinnvoll und geistreich ist. Angebracht ist diese Frage sicherlich, trotzdem sollte man die Argumentation nicht außer Acht lassen.
Gesellschaft ist ein Grundbedürfnis (ich spreche bewusst nicht von Freundschaft, Freundschaft übersteht Isolationshaft, sie profitiert oftmals sogar davon). Wer sich dem entzieht, kassiert oft den Stempel des Spielverderbers oder Langweilers. Aber was kann langweiliger sein, als ein mittelmäßiges Oberflächengeplänkel, stummes Bewegen zu minimalen Bässen oder kicherndes Strohhalmschlürfen mit flüchtigen Bekannten?
Im schlimmsten Fall die Gesellschaft mit sich selbst. Erst wer gähnende Langeweile mit sich selbst erlebt und diese zu hinterfragen beginnt, betritt Stufe 1 des erfolgreichen Entzugs.
Um eins klarzustellen: Es geht um Überdosierung. Ich verurteile keineswegs das Vergnügen in Gruppen oder Gesellschaftsabende, ich versuche einen Anstoß. Einen Anstoß, zu mehr Selbstachtung, Selbstzentrierung, weniger Affektiertheit.
Das Problem ist folgendes: Wir können immer weniger mit uns selbst anfangen, definieren uns über Positionen, die wir in Gruppen einnehmen, spiegeln uns nach außen, wie wir gern gesehen werden wollen. Aber was bleibt am Ende übrig? Woher weiß ich, wie viel „Ich“ in meinem Auftreten steckt?
Die Isolation funktioniert ähnlich wie eine Entschlackungskur, Detox.
Zu sich zu finden braucht weniger ein Kloster, mehrere Kilometer, Kur-Zentren oder ähnliches. Das einzige Utensil ist die Zimmertür, geschlossen. Wir haben verlernt, mit uns alleine zu sein.Wir sind die Performancekünstler des Alltags, die Wachsfiguren unserer Selbst. Was wir dabei oft vergessen ist, dass wir unser wichtigster Fluchtpunkt sind. Ich spiele nicht auf Egoismus an, oder vielleicht doch, je nach Definition.
Es geht darum, sein Glück nicht über Dritte zu definieren. Statt zu lamentieren, einfach mal sich selbst als Gastgeber, Gast und Zuschauer schätzen zu lernen. Es geht darum zu verstehen: Wir sind Würfel und Spielfigur gleichzeitig, in unserem eigenen „Mensch ärgere dich nicht“.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

lol

Sina hat gesagt…

In diesem Kontext stelle ich auch mir gerade Fragen. Was passiert, wenn man zu sich selbst zurückgeht, die Angst vor dem Alleine sein einfach mal überwindet und darauf verzichtet, jedem ungehörten Telefonat, einer zu beantwortenden SMS oder E-Mail nachzugehen. Alleine zu sein ist nicht schwer, die Zimmer Türe geschlossen zu haben auch nicht. Aber Verzicht auf soziale Netzwerke, kein Internet, nur sein Bücherregal und leere Zettel helfen einem womöglich bei anstehenden Entscheidungen. Jeder Entscheidung „wie soll es weitergehen?“, „Was will ich wirklich?“ „Komme ich so weiter“ weicht man mit dem nächsten Praktikum, Auslandsaufenthalt (Reise der Selbstfindung sozusagen) oder anstehenden Prüfungen oder alles zusammen aus bzw. man versucht sich selbst jeden Tag auf’s neue aus dem Weg zu gehen. Man klatscht sich am Abend in die Hände: Wow, viel geschafft heute! Ohne wirklich weitergekommen zu sein. Das geht schon viel zu lange so. Schön, dass jemand ähnliche Gedanken hat!

Skyline Spirit hat gesagt…

pretty nice blog, following :)

Stephan Zimmermann hat gesagt…

ASTREIN !!