Montag, 27. Mai 2013

Warum Social Media uns die Schmetterlinge klaut und die Heilung verzögert



Es ist überall, social media in the air, everywhere.
Wenn du auf den Bus wartest, während du in der Bahn sitzt, wenn du im Park liegst oder gerade aus der Dusche kommst. Hinter der nächsten Ecke wartet das nächste rote Sprechbläschen, das nächste grüne Häkchen oder das nächste blaue Däumchen.

Diese online Netzwerke umgeben uns längst und haben sich hinterlistig und ganz langsam, hartnäckig in unseren Alltag integriert.
Dass Maskentragen und Selbstdarstellung sowie die Definition über „gefällt mir“ Klicks längst dazu gehören, muss hier nicht nochmal diskutiert werden.
Fakt ist, ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie sind umgeben von diesen undurchsichtigen Nebelschwaden des Internets, die uns bis auf den letzten Fetzen ausziehen.

Ausziehen ist hierbei ein gutes Stichwort, wollte ich doch über den Zusammenhang von Liebe und sozialen Netzwerken schreiben.


Szenario A - Der gescheiterte Schlussstrich

Du und dein Freund, ihr wollt nicht mehr zusammen sein. So weit so gut.
Man trennt sich, beschließt den Kontakt abzubrechen, egal ob es friedlich oder im Streit auseinander ging, es war noch nie so schwer den Anderen zu vergessen wie in den Zeiten der sozialen Netzwerke.

Wie einfach das früher gewesen sein muss: Man löschte die Nummer im Steinzeittelefon, verbrannte in Ritualform und unter Tränen die gemeinsamen Fotos, verbannte das vergessene T-Shirt in die letzte Ecke im Schrank, auf dass es nie mehr auftauchen sollte und verstaute alle Erinnerungen in Kisten.
Man hat sich dann nach Wochen im Supermarkt oder auf dem Stadtfest zufällig getroffen und versucht sich zwischen Cornflakesschachteln und Zuckerwatteständen zu verstecken.

Heute kann jeder und sein Onkel diese Fotos und Erinnerungen wieder hervorkramen. Auch wenn du das eigentlich nicht willst.
Ein Klick auf die Startseite genügt und du siehst deinen Verflossenen mit seiner neuen, durchtrainierten, superhotten Freundin im Urlaub am Strand, verschlungen auf der Couch beim DVD- Abend oder mit Lebkuchenherz auf dem Oktoberfest.
So sehr du es auch versuchst, du kannst nicht weggucken, das verhält sich hier in der Regel so wie bei einem schlimmen Verkehrsunfall.
In diesem Fall ist jeder ein kleines bisschen Masochist.
Du kannst jeden noch so kleinen Schritt verfolgen, siehst wie gut es ihm geht ohne dich.
Das tut weh. Egal ob noch Liebe im Spiel ist oder ob es sich mehr um gekränkte Eitelkeit handelt. Jedes Foto, jedes Like einer potentiellen neuen Freundin, jeder glückliche Status (der nicht dich beinhaltet) ist ein heftiger Tritt in die Magengegend.
Wer es wirklich schafft, da drüber zu stehen, nicht aktiv die Seite des Expartners anzuklicken (nur um mal eben zu gucken...) verdient größten Respekt.
Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden, nur leider hat man da die Rechnung ohne das zeitlose Internet gemacht. Denn ein einziger Klick, eine einzige Tastenkombination, die seinen Namen schreibt, reißt die nie ganz verheilten Wunden wieder auf.



Szenario B – die hoffnungslose Schwärmerei

In Zeiten vor den Sozialen Netzwerken war alles so wunderbar romantisch.
Du hast ihn gesehen, deine Freunde gefragt ob sie ihn kennen, wer er ist, versucht ihn scheinbar zufällig wiederzutreffen, und wenn das dann passiert ist, hast du dich nicht getraut ihn anzusprechen. Man kritzelt Namen ins Notizbuch, malt sich das gemeinsame Leben in den buntesten Farben aus und schwebt auf Wolke sieben.

Heute passiert das alles im Turboverfahren. Party, einen gesehen, Namen rausgekriegt, wahrscheinlich direkt am selben Abend noch via Facebook gesucht und schwupps weiß man alles über den anderen.
Wo er letztes Jahr Skifahren war, welche Klamotten er in seiner Abimottowoche getragen hat, vielleicht sind auch Familienfotos dabei.
Dann kommen wieder die Zweifel. Schreibe ich ihn an? Oder ist das peinlich? Du traust dich und schreibst in den kleinen blauen Kasten ein einfaches „Hi“.
Dann wartest du kribbelig, klickst ständig auf „aktualisieren“. Oh Gott, er hat die Nachricht gesehen. Scheiße, warum antwortet er nicht?
Diese „Nachricht gesehen um...“ Funktion finde ich sowieso äußerst fraglich. Man hat zum einen nicht mehr die Ausrede „Ups, ich hab deine Nachricht nicht gesehen, war noch gar nicht online heute“ parat. Andererseits stellt man sich eben diese quälende Frage: „Wenn er meine Nachricht doch gelesen hat, warum zur Hölle antwortet er dann nicht?“
Ich finde, das ist es, was dem Ganzen den Schwung nimmt.
Man sollte doch auch warten können, warten wollen. Ist es nicht das, was das Kribbeln ausmacht?

Die Liebe wird so unglaublich entschleunigt und deemotionalisiert durch die sozialen Netzwerke und immer neue Möglichkeiten, alles über einen Menschen zu erfahren ohne auch nur ein Wort gewechselt zu haben. Wieso den schweren ersten Schritt machen und ihn ansprechen, wenn die Antwort nur einen Klick entfernt liegt?
Aber verlieben wir uns nicht in Menschen und nicht in blauleuchtende holografische Abbildungen ihrer selbst?

Und avanciert die Beziehung nicht zu einem social Media Statussymbol?

Und gerade das ist es, was es so gefährlich macht.

Geht raus und lasst es auf euch regnen. Gefühle sind echt und spielen sich nicht auf Displays und Bildschirmen ab. Klar ist es nicht immer wie im Hollywoodstreifen, aber ist es nicht diese Unsicherheit, die alles so besonders macht? Liebe gehört zum Leben. Schmerz gehört zur Liebe wie Wolken zum Himmel. Man muss lernen, damit umzugehen und diese durchsichtige Internetblase macht es einem sicherlich nicht leichter.
Es gibt viele fatale Facetten in diesem pseudosozialen Sumpf namens Internet.

Ein schlauer Poet namens Andy Strauß sagte mal sehr treffend:

„Wenn ihr glaubt, dass der gläserne Mensch zerbrechlich ist, warum ersetzt ihr dann Tag für Tag für Tag eure schöne Haut durch Fiberglas?“

Liebt euch. Aber macht es richtig.

Kommentare:

Leonie Soyel hat gesagt…

wundererbarer text

Stephan Zimmermann hat gesagt…

Toll geschrieben. Von wem Du dieses Talent nur hast?!
weiter so, das ist gut Madame!!!

Anonym hat gesagt…

Danke, dass du allen Herzen die Augen öffnest!
Tja, das waren noch Liebesgeschichten bei unseren omas und opas..

Deine Taizé-Freundin.

Anonym hat gesagt…

Sehr treffend geschrieben. Du hast wirklich Talent und deine Texte sind fesselnd. Vielleicht weil du grade das Beschriebene mitmachst.